Am Ende einer grauen Regenwoche in der Stadt braucht man Zeit im Sonnenschein. Das haben schon die Gallaghers in „Rock n‘ Roll Star“ beschrieben und das kann man so stehenlassen. In Hernals holt man sich seine Dosis Flutlicht auf dem Sportclub-Platz, wo am Freitag die Violetten aus Favoriten zum ÖFB-Cupduell antrabten. Um es vorwegzunehmen: Das Resultat von 3:1 für die Veilchen war ein logisches und dem Spielverlauf entsprechendes. Wie immer viel wichtiger war jedoch, was der Abend sonst noch zu bieten hatte. Zum Sportclub geht man schon wegen dem Match, aber nicht nur.
Begonnen hatte das Unternehmen bereits am Montag. Denn da bot sich mein guter Freund Alex selbstlos und im nachhinein betrachtet leichtsinnigerweise an, die Eintrittskarten zu organisieren. Nachdem die treuen Sportclub-Abonnenten zugeschlagen hatten, wurden die restlichen der rund 2.500 aufgelegten Tickets im Stadionbüro an der Alszeile vergeben. Die erste Whatsapp-Nachricht von Alex kam um 18.27 Uhr. Er sei jetzt dort und das ginge sicher schnell, obwohl da schon ziemlich viele Leute in der Schlange vor ihm stünden. Berühmte letzte Worte…wer sie kennt.
Um 20.01 erhielt ich das erste Bild von einem Becher Tee mit Rum. Der wurde an die in Wind und Regen Wartenden verteilt – gegen eine freie Spende. Um 21.01 prostete mir Alex über Whatsapp-Bild mit seiner zweiten Gösser-Dose zu. Um 22.07 hatte er es ins Trockene geschafft, da stand er mit seinen Anstellgenossen im Gang vor dem Büro. Und um 22.51 schließlich leuchteten mir auf dem Handy-Bildschirm drei wunderschöne in Schwarz und Weiß gehaltene Eintrittskarten entgegen. „Das wird sicher ein 0:0“, schrieb ich zurück – fand er nach viereinhalb Stunden Warten nur mittellustig.
Egal (vor allem mir): Wir waren im Spiel, der Freitag konnte kommen! Ein schöner Fußballabend in Hernals startet mit einem „Brandstetter-Trio“: Ein großes Kozel, ein Villacher und ein Staro Brno im legendären Wirtshaus Brandstetter in der Hernalser Hauptstraße 134. Genau das bestellten Alex, Raffi und ich – also jeder drei natürlich, gemeinsam gilt nicht. Danach ging es zu Fuß – zwei Bim-Stationen weit – zum noch legendäreren Sportclub-Platz. Die alte Haupttribüne – überhaupt am legendärsten nach der Friedhofstribüne – war schon voll. In Corona-Zeiten heißt das halbvoll, weil nur jeder zweite der genau zugewiesenen Plätze mit einem X zum Hinsetzen markiert wurde.
Unsere X-erl hatten wir auf der steilen blauen Tribüne (auch legendär) in der vierten Reihe also gleich hinter dem Tor. Das sollte uns den perfekten Blick auf eines der kuriosesten Tore ermöglichen, die ich jemals live im Stadion gesehen habe. Das ganze Spiel war eine einzige Schlammschlacht, weil sich der Rasen oder was davon übrig war völlig durchweicht und rutschig wie ein Eislaufplatz präsentierte. Der kultige Sportclub-Goalie Florian Prögelhof war dabei der Hauptleidtragende, weil er zum 0:2 ein lupenreines Eiertor kassierte. Ein schon suboptimaler halbhoher Rückpass sprang am Fünfer im Gatsch unmittelbar vor Prögelhof nicht mehr auf, sondern der Ball rutschte zwischen den Beinen des verdutzten Keepers hindurch über die Linie. Gurkerl war da ein Hilfsausdruck. Mir tat er leid, weil er einfach Opfer der Platzverhältnisse war.
Mein Mitleid brauchte Prögelhof aber gar nicht, weil der Unglücksrabe von den Zuschauern sofort lautstark aufgebaut wurde. Noch lange nach dem Schlusspfiff, als die Verlierer auf einer Ehrenrunde gefeiert wurden, gab es Applaus, keine Häme. Auch jener kleine Teil der Austria-Fans, der die ungeschriebenen Benimmregeln auf dem Sportclub-Platz nicht kapierte, verzichtete da schon auf Schmähungen. Weil die während der gesamten Partie nämlich einfach ignoriert worden waren. In Dornbach, wie auch bei der Vienna, wird auf homophobe Beschimpfungen und tiefe Gesänge nicht einmal reagiert. Und das ist meiner Meinung nach die mit Abstand beste Taktik.
Wie auch immer, wir hatten noch einiges zu tun. Zunächst einmal mussten wir unsere mit Ottakringer Original gefüllten Becher austrinken und retournieren. Dann gab es einen Krapfen geschenkt. Darüber rätselten wir den ganzen restlichen Abend, warum der Sportclub im Oktober auf den Tribünen Gratis-Faschingskrapfen verteilte. Gefreut haben wir uns jedenfalls darüber. Und wir hätten ja auch einfach fragen können.
Beginnt ein schöner Fußballabend in Hernals beim Brandstetter, so endet er im „Jetzt“ am Parhamerplatz 16. Dort gibt es gute Musik, entspannte Leute und Schladminger Bier. Aufmerksame Leser werden bemerken, dass uns die kulinarische Reise an diesem Abend über Tschechien, Wien und Kärnten bis in die Steiermark führte…
Wenn man mich fragt gibt es kaum sinnvollere Arten, einen Freitagabend zu verbringen, als auf den Fußballplatz zu gehen. Beim Sportclub ist es auch das Gesamtpaket, das die Angelegenheit angenehm und lustig macht. Ich bin gar kein Sportclub-Fan (Alex und Raffi schon), aber der Verein hat was (eh schon immer gehabt). Es regnete übrigens die ganze Zeit, und das nicht einmal wenig. Es war kalt, windig, nass und finster. Uns drei Patienten hat trotzdem die hellste aller Sonnen geschienen: Die Sonne von Hernals.