Vor 36 Jahren ist die bis dato letzte Fußball-EM in Deutschland eröffnet worden – im vorletzten Sommer vor Mauerfall und Wiedervereinigung. Mit der Partie Deutschland gegen Italien (1:1, Torschützen Mancini und Brehme). Es war die erste EM, die ich (als 12-Jähriger) vor dem Röhrenfernseher auf FS 1
leidenschaftlich miterlebt habe. Ich kann mich an jedes einzelne Match genau erinnern, was ich von den meisten Spielen der EM 2021 oder der WM 2022 nicht behaupten kann. An die Torschützen, Ergebnisse und sogar daran, wo ich sie gesehen habe… Es waren damals auch nur 15 Turnierspiele, aus heutiger Sicht unvorstellbar – jeweils sechs in zwei Vierergruppen, zweimal Halbfinale und Finale. Das gesamte Turnier hat nur starke zwei Wochen gedauert.
Nicht eines der acht EM-Stadien 1988 in Hamburg, Hannover, Gelsenkirchen, Düsseldorf, Köln, Frankfurt, Stuttgart und München gibt es in der damaligen Form bzw. Verwendung für Fußball noch. Alle wurden durch moderne Arenen ersetzt oder komplett umgebaut. Das Ernst-Happel-Stadion in Wien dagegen hat vor 36 Jahren als Praterstadion schon genauso ausgesehen wie heute – innen und außen, abgesehen von den Schalensitzen. Nur ein Beispiel für die enorme infrastrukturelle Weiterentwicklung in Deutschland im letzten Jahrzehnt des 20. und ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts – noch einmal gepusht durch die WM 2006.
1988 waren Laufbahnen rund um den Rasen, Stehplatztribünen und lebensgefährliche Absperrzäune auch bei einer EM ganz normal – Überdachung dafür die Ausnahme. Ich kann mich an Berichte über schwere Ausschreitungen von englischen, deutschen und niederländischen Hooligans erinnern – abseits der Stadien in den Stadtzentren. Die Hymnen wurden klassisch von (Militär)Blasmusikkapellen gespielt. Unzählige Fotoreporter, Kameraleute und andere „Offizielle“ liefen vor dem Anpfiff kreuz und quer über den Rasen und vor den Ersatzbänken herum. Und in so mancher (unbegrenzter) Coachingzone war Rauchen erlaubt
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Sportlich sind für mich die heute noch präsentesten Momente: Das Siegestor von Ray Houghton für die Iren gegen England. Dann noch ein Ire, Ronny Whelan und sein unglaubliches Volleytor zum 1:0 gegen die Sowjetunion (Endstand 1:1). Schade, dass die Iren (gemeinsam mit England) ausschieden – wegen eines Abseitstreffers des Holländers Wim Kieft. Aus dieser Gruppe kamen die Niederlande und UDSSR weiter. Aus der anderen Deutschland und Italien. Im Semifinale das späte Tor von Marco van Basten gegen Deutschland (2:1) im Fallen. Nach Abpfiff wischte sich Ronald Koeman mit dem getauschten Trikot von Olaf Thon demonstrativ den Hintern ab (Koeman war auch als Spieler ein Kotzbrocken). Im Finale Van Basten – das 1:0 mit einem Jahrhundert-Volley aus spitzem Winkel – und Gullit per Kopf das 2:0. Am meisten leidgetan hat mir der sowjetische Goalie Rinat Dassajew, für mich einer der besten aller Zeiten. Gesehen habe ich das Spiel übrigens in der Kuchl meiner Großeltern.